Die "Rheinische Post" berichtete am 22.07.2011:
Beten hinter Mauern
Mitglieder des Vereins Gefährdetenhilfe Scheideweg besuchen regelmäßig Gefangene in der JVA Pont. Das persönliche Gespräch steht bei den gemeinsamen Bibelstunden im Mittelpunkt.
VON BIANCA MOKWA
Nach und nach füllt sich der Parkplatz vor den grauen Mauern der JVA Pont. Aus Burscheid, Oberhausen, Nieukerk und Köln kommen die Besucher, die alle eine Bibel mit dabei haben.
Georg Fischer von der Gefährdetenhilfe Scheideweg holt den Gitarrenkasten und die Liederbücher aus dem Auto. Er leitet die Gruppe von Christen, die alle zwei Wochen Gefangene in Pont besuchen. Ihren Sitz hat die Gefährdetenhilfe Scheideweg in Hückeswagen.
Wertschätzung ist angesagt
„90 Prozent der Jungs, die ins Gefängniskommen, glauben nicht an Jesus“, schätzt Herbert S.* Bei ihm ist das anders. Seine Bibel trägt er in der Hosentasche bei sich. Für den Mitgefangenen Christoph A.* sind die regelmäßigen Besuche der Scheideweg-Leute „ein Fenster nach draußen“.
„Das sind für mich liebe, nette Menschen, die für mich ihre Freizeit opfern.“ Sonst kämen immer nur die eigenen Leute zu Besuch. Und noch etwas rechnet er ihnen hoch an: „Das sind Menschen, die nicht die Standardfragen stellen, etwa wie lange hast du noch oder was hast du gemacht.“
Die Wertschätzung steht bei Georg Fischer und seinen Mitstreitern von der Gefährdetenhilfe im Vordergrund. "Das Wichtigste ist, dass wir die Gefangenen als Menschen ernst nehmen.“ Auch wenn es Christoph A. „nicht unbedingt auf religiöse Themen ankommt“, singen doch alle Gefangenen Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ mit.
„Noch drück uns böser Tage schwerer Last“ heißt es in dem Lied, das Dietrich Bonhoeffer einst selbst im Gefängnis geschrieben hat. Nach einer kurzen Andacht lädt Fischer zu einer Begegnung „von Mensch zu Mensch“ ein. Das Angebot wird gerne angenommen. Besucher und Gefangene vertiefen sich in Gespräche. Mittendrin ist Madeleine Tönnessen. Die 25-Jährige unterstützt die Arbeit der Gefährdetenhilfe durch ihre Einsätze im Gefängnis.
Menschen Mut machen
Gleichzeitig arbeitet sie zur Zeit als Rechtsreferendarin. Sie will den Menschen Mut machen, sagt sie über ihre Motivation. Sie möchte die gute Botschaft von Jesus Christus, der alle Schuld auf sich genommen hat, gerade den Menschen vermitteln, um die sich sonst keiner kümmert.
Der erste Besuch im Gefängnis sei schon mit einem komischen Gefühl verbunden gewesen, erinnert sie sich. „Aber mir ist es wichtig, Menschen nicht in Schubladen zu stecken und abzustempeln.“ Nach zwei Stunden ist die Zeit um. Nach einem letzten gemeinsamen Lied folgt Hände schütteln, ein letztes In-den-Arm-nehmen. Während die Gefangenen auf ihre Zimmer müssen, steigen die Ehrenamtler in ihre Autos.
Georg Fischer hat noch 125 Kilometer vor sich, bis er zu Hause ist. „Aber das ist mein Ding“, sagt der Familienvater über die Arbeit für die Gefängnisinsassen. Genauso wie das der 25-jährigen Rechtsreferendarin und der 87-jährigen Olga Laskowski mit ihren schlohweißen Haaren.
*Name von der Redaktion geändert.