Justus gehörte vor seiner Inhaftierung zu einer Straßengang, Moses konnte aufgrund seines Deliktes nicht in sein Heimatdorf zurückkehren und Tobias hat als Vollwaise niemanden, der ihn aufnehmen würde. Die drei jungen Leute sind zwischen 17 und 21 Jahre alt und leben in der Familie von Reuben und Sabina Gitau im Farmhaus in Songhor. Der kleine Ort liegt etwa eine Autostunde vom Viktoria-See entfernt im Hochland. Die Gegend ist hügelig und fruchtbar, es regnet häufig und doch spielt die gefürchtete Malaria hier nur eine geringe Rolle. Auch wilde Tiere sind selten: Nur eine etwa fünf Meter lange Würgeschlange hat ein benachbartes Waldstück als ihr Zuhause gewählt. Von Songhor aus fährt man etwa zwei Stunden bis nach Kakamega (ca. 92.000 Einwohner) und durchquert dabei Zuckerrohrfelder und Teeplantagen. Wären die Straßen nicht mit Schlaglöchern - in Englisch "pot holes" - übersät, ließe sich die Strecke in einer Stunde schaffen. Am Stadtrand von Kakamega liegt Shikusa Borstel, eines von zwei kenianischen Jugendgefängnissen, mit etwa 500 jungen Männern zwischen 16 und 20 Jahren. Ein Crossroad-Team besucht dieses Gefängnis regelmäßig, und von hier zogen Justus, Moses und Tobias nach Songhor.
Familie - Arbeit - Freizeit - Kirche
Die familiären Beziehungen, ein neuer Freundeskreis, die Arbeit auf der Farm, Schulunterricht und eine seelsorgerliche Begleitung unterstützen die drei jungen Männer bei ihrem Neustart. Die jungen Leute leben in dem Farmhaus, das hinter der Werkhalle am Eingang zur Farm liegt und zwei Familien sowie einen Tagungsraum und das Crossroad-Büro beherbergt. Tagsüber arbeiten Moses und Tobias auf der Farm, Justus besucht eine weiterführende Schule. Der Tag beginnt mit dem gemeinsamen Frühstück in der Familie und dort trifft man sich dann zum Abendessen wieder. Reuben, der Hausvater, kann die Jungen gut verstehen. Auch er selbst saß im Gefängnis, zweieinhalb Jahre lang, in der Todeszelle, unschuldig. Dann wurde er freigesprochen. Während dieser Jahre habe ich die Menschen im Gefängnis lieben gelernt, berichtet seine Frau Sabina. Als Hausmutter trägt sie nicht nur die Verantwortung für den Haushalt, sondern auch ein gutes Stück der erzieherischen Verantwortung - für ihre vier eigenen Kinder und für Justus, Moses und Tobias. Häufige "Gäste" auf dem Speiseplan sind der Maisbrei "Ugali" und das für die Region typische Gemüse "Suchuma". Der kenianische Chai - ein mit reichlich Milch gekochter und gut gewürzter Tee - ist ein Genuss.
Freizeitaktivitäten - andere als "Kühe hüten" - sind im ländlichen Kenia wenig bekannt. In den Städten erobern "Satellitenschüsseln" selbst ärmlich aussehende Hütten. Das Team in Songhor hat Volleyball eingeführt und stößt damit auch bei den Jugendlichen aus dem Ort auf großes Interesse. Sonst trifft man die drei Jungen beim Fahrradfahren oder Wandern mit Caleb, einem jungen Mitglied aus dem Crossroads-Team. Abends endet das Freizeitprogramm spätestens dann, wenn der Generator abschaltet und das Licht erlischt. Das Leitungsnetz des kenianischen Energieversorgers "Kenyapower" hat Songhor noch nicht erreicht.Sonntags besuchen die Leute von der Songhor-Farm gemeinsam den Gottesdienst in der Kirche des Nachbarortes Senetwo. Die Gemeinde gehört zur "Africa Inland Church", einer der drei großen evangelischen Kirchen Kenias. Aber allzu groß darf man sich das Gebäude in Senetwo nicht vorstellen: Die einfache Konstruktion aus Ziegelsteinwänden und Wellblechdach bietet sonntags etwa 40 Besuchern Raum für die Begegnung mit Gott und miteinander. Manchmal gestaltet das Songhor-Team den Gottesdienst als Chor mit, manchmal predigt ein Crossroad-Mitarbeiter. Ansonsten ist das Team aus Songhor mittwochabends häufig bei dem etwa eine halbe Autostunde entfernten deutschen Missionswerk DIGUNA zu Gast und nimmt dort am Gebetsabend teil.Die offene Gemeinschaft in Songhor ist in vieler Hinsicht besonders: Hier leben straffällige und sogenannte "unbescholtene" Menschen miteinander, was in Kenia - wie in Deutschland - keinesfalls selbstverständlich ist. Die Angst vor den Haftentlassenen ist groß und die Abgrenzungstendenzen sind deutlich. Zudem kommen die Mitarbeiter und jungen Menschen aus unterschiedlichen Stämmen und Regionen des Landes. Auch das ist nicht selbstverständlich. Nach den bürgerkriegsähnlichen Unruhen Anfang 2007 sind noch lange nicht alle Wunden verheilt.
Unterstützung für das Team
Im August erhielt das Mitarbeiterteam eine wichtige Unterstützung: Pastor Aquinas Anogoli stieß als Teamleiter und Vertreter der deutschen Gefährdetenhilfe hinzu. Der 37-jährige Kenianer war zuvor in verschiedenen Regionen seines Landes innerhalb der „Free Methodist Church“ tätig, besuchte eine theologische Hochschule und war in der Jugendarbeit tätig. Gemeinsam mit seiner Frau Cathrin und seinen fünf Söhnen lebt Aquinas nun im Farmhaus Songhor. Zu seinen Aufgaben gehört die Seelsorge für die jungen Leute und die Mitarbeiter auf der Farm. Und er wird das Gefährdetenhilfe-Anliegen in die kenianischen Kirchen und Gemeinden hineintragen und ehrenamtliche Mitarbeiter für diese Aufgabe schulen.
Landwirtschaft als Herausforderung und Chance
Etwa 62 Hektar Land gehören zur Crossroad-Farm in Songhor, ein knappes Drittel davon sind Wald- und Wasserflächen. Die landwirtschaftlichen Flächen werden von Farmleiter Simion Melly und seinem Team bewirtschaftet. Das in Westkenia häufig angebaute Zuckerrohr, Mais, lokale Gemüse und Früchte wie Bananen und Avocados werden angebaut. Die Farm liefert Lebensmittel für die Crossroad-Gemeinschaft und den regionalen Markt, sie verschafft den jungen Leuten aus dem Jugendgefängnis eine Arbeit und ebenso den Menschen aus der Region. Und sie soll die Crossroad-Arbeit mittelfristig zu einem guten Teil mittragen. Deshalb werden Schritt für Schritt bisher ungenutzte Landflächen kultiviert und neue Früchte angebaut. So produziert die Farm seit diesem Jahr grüne Bohnen für den Export nach Saudi-Arabien und Spanien.
Für den Erfolg der Landwirtschaft ist ein gutes Bewässerungssystem unerlässlich. Wasser ist in Afrika eine besonders wichtige Ressource, mit der sparsam umgegangen werden muss. Die Crossroad-Farm braucht deshalb eine sogenannte "Tröpfchen-Bewässerung", mit der das Wasser zielgenau zu den Pflanzen gelangt. Wir hoffen auf die Unterstützung deutscher Freunde, um diese Bewässerungsmethode einführen zu können:
Spendenkonto 34111310
BLZ: 34051350 (Sparkasse Radevormwald)
Vermerk: Farm
Wie es weitergeht
Die Familie Gitau ist dabei, Formen des Miteinanderlebens mit den jungen Leuten aus dem Gefängnis zu erproben. Die Herausforderungen sind nicht gering. Besonders für Sabina, die ihren eigenen Kindern und den drei jungen Leuten gerecht werden will. Für die Besuche im Strafvollzug - außer Shikusa Borstal in den Gefängnissen von Kakamega, Kericho und gelegentlich Kisumu - werden weitere Ehrenamtliche gebraucht. Die Landarbeiter auf der Farm müssen ein vertieftes Verständnis für die jungen Leute aus Shikusa Borstal entwickeln. Und Menschen aus den umliegenden Orten wenden sich immer wieder mit eigenen, oft existentiellen Nöten an die Crossroad-Farm. Bei den vielseitigen Herausforderungen wird das Team in Songhor von einem aktiven kenianischen Vorstand unterstützt. Und auch der regelmäßige Austausch mit "Deutschland" ist wichtig. Zum Glück lassen sich mit Telefon und Internet die 6.300 Entfernungskilometer in Sekunden überwinden.