Der lange mongolische Winter ist endlich vorbei. Die Sonne hat den Schnee geschmolzen und übermalt langsam auf den weiten Steppen das kalte Weiß mit einem zarten Grün. Lachen dringt aus dem Haus am Stadtrand von Ulan Bator. Man hört es: die Kims haben Besuch. Eine zierliche Frau mit einem langen Zopf ist offensichtlich in ihrem Element: die zunehmende Wärme und die Geselligkeit scheinen ihr Lebensfreude zu entlocken.
Der Gedanke, aus Deutschland in die Mongolei überzusiedeln, löste bei Miriam zunächst keine Lebensfreude aus. Kälte und Einsamkeit – das war das Schlimmste, was sich Miriam je vorstellen konnte. Sie wußte: In der Mongolei würde beides für sie zur Realität.
Dong Hwan, ihr damaliger Freund und heutiger Ehemann, sah seine Berufung im Aufbau einer Gefängnisarbeit in der Mongolei. Sie waren verliebt und planten eine gemeinsame Zukunft. “Aber musste die Zukunft unbedingt in der Mongolei liegen?”, fragte sich Miram. Ein mit Bleistift geschriebener Nachsatz unter einem illustrierten Bericht über das gesellschaftliche Leben der Mongolei traf Miriam in ihrem Herzen:
“Dort braucht es Menschen, die bezeugen koennen, dass es eine Hoffnung gibt, raus aus der Sucht...
Denn die Alkoholsucht ist wohl einer der schwerwiegensten Probleme des mongolischen Volkes.”
Seitdem wurde in ihr die Gewißheit immer stärker: Ihr Platz ist in der Mongolei! Und Menschen mit Suchtproblemen konnte Miriam gut verstehen. Alkohol und Drogen waren über Jahre auch ihr Problem - trotz gutem Elternhaus und christlicher Erziehung. Sie kam süchtig und mit einem ruinierten Leben nach Scheideweg und erlebte, dass ihr Menschen Gottes Vergebung, neue Maßstäbe und ernst gemeinte Freundschaften anboten. „Vergebung war damals und ist bis heute für mich die entscheidende Wende aus kaputten und festgefahrenen Lebenssituationen. Ich bin den Menschen, die mir aus ihrem christlichen Glauben heraus die Hand gereicht und mit viel Geduld einen geradlinigen Weg vorgelebt haben, sehr dankbar“, sagt Miriam rückblickend.
Miriam konnte eine kaufmännische Ausbildung abschließen und verliebte sich in Dong Hwan, einem gebürtigen Koreaner und ehemaligen Zivildienstleistenden in Scheideweg. 1993 heirateten sie – und zogen kurz darauf gemeinsam in das zentralasiatische Land.
Das Lernen der Sprache, der Kultur und der Mentalität war nicht einfach. Auch nicht die Kälte und die Einsamkeit! Doch schon nach kurzer Zeit entstanden Kontakte in die Gefängnisse und die Kinder-Erziehungsheime. Etliche Menschen aus dem Gefängnis, aus Sucht oder anderen Lebensproblemen haben in den letzten Jahren bei Familie Kim eine Heimat gefunden. Und sie selbst sind dort auch Zuhause geworden. Alle drei Söhne wurden in der Mongolei geboren. Die Integration in Sprache und Kultur, die den Eltern manche Mühe machte, gelingt den drei Jungen „spielend“.
Miriam bereut es nicht, in die Mongolei gezogen zu sein. Sie hat die Menschen dort lieb gewonnen - und ebenso das Land, die Weite und die Pferde. Nicht so sehr die Kälte – auch wenn sie sich daran gewöhnt hat.
Aber sie möchte der Herzenskälte etwas entgegen setzten, gemeinsam mit ihren Mongolischen Freunden: Gottes Liebe weitergeben – auch als "deutsche Frostbeule"!