Vom Todeskandidaten zum Lebensretter
Reuben: aus der Todeszelle in die Gefängnisarbeit 

 

Wenn Reuben vor Gefangenen steht, wenn er mit ihnen redet und ihnen zuhört, dann merkt man: dieser Mann ist hier am richtigen Ort. Er versteht die Menschen im Gefängnis, und sie verstehen ihn.

Bis zum 34. Lebensjahr hatte Reuben überhaupt keine Berührungen mit dem Strafvollzug. Sein Leben verlief relativ normal: aufgewachsen in Nairobi, guter Schulabschluss und Berufstätigkeit, Gründung einer Familie, Mitarbeit in seiner Kirchengemeinde. Nichts Außergewöhnliches - bis eines Tages die Polizei vor seiner Tür stand. Er wurde verdächtigt, einen bewaffneten Raubüberfall begangen zu haben. Reuben wurde festgenommen und kam in Untersuchungshaft nach „Kamiti Max“ – eines der meist gefürchteten Gefängnisse Kenias. Vier Monate wartete er dort auf die Gerichtsverhandlung, in der Hoffnung, dass seine Unschuld festgestellt wird und der Horror wieder vorbei ist. Aber das Urteil des Gerichtes machte Reuben und seine Familie fassungslos: er wurde des bewaffneten Raubes für schuldig erklärt und zum Tod am Strang verurteilt. Reuben war verzweifelt. Wie konnte Gott das zulassen? Das Urteil war grausam – aber mindestens genauso grausam war das Warten darauf. Reuben wurde in die Todeszelle verlegt. Die schlimmste Zeit seines Lebens stand ihm bevor. Die ersten 3 Monate konnte er nachts kein Auge zumachen. Es war kalt, es gab aber keine Decken. Läuse und andere kleine Insekten fielen in Schwärmen über ihn und seine Mitgefangenen her. Man war ihnen hilflos ausgeliefert. Das Essen war spärlich. War der Brennstoff für die Öfen gerade aufgebraucht, gab es dann bis zu zwei Tage nichts mehr zu essen. Typhus und Tuberkulose raffte einige seiner Mitgefangenen hinweg. Reuben wurde krank. Ein Beamter schmuggelte ihm Medizin ins Gefängnis, sodass er wieder genesen konnte. Reuben sagt rückblickend: „Das war die Hölle auf Erden. Es war Gottes Gnade, dass ich überlebt habe.“
Reuben legte Berufung gegen das Todesurteil ein. Nach zwei Jahren wurde sein Fall neu aufgenommen und geprüft. Die Richter stellten seine Unschuld fest und ordneten seine sofortige Entlassung an. Ein Albtraum war beendet. Reuben war sicher: ein Gefängnis würde er nie wieder betreten!
Auch wenn die Erleichterung groß war – einfach so weiterleben wie früher konnte Reuben nicht mehr. Als Strafentlassener war er stigmatisiert. Wie sollte er zurück in die Gesellschaft finden? Wo eine Arbeit bekommen? Schließlich fand er eine Stelle als LKW-Fahrer. So konnte er seine Familie ernähren. Aber er fragte sich: warum musste ich unschuldig im Gefängnis sitzen? Hatte das alles einen Sinn? Den Plan Gottes für sein Leben verstand er nicht – bis zu dem Tag, als er gefragt wurde, ob er beim Aufbau der Gefährdetenhilfe in Songhor (West-Kenia) mithelfen würde. Reuben war sofort klar: das ist mehr als ein Job. Das ist eine Berufung! Tief in seinem Herzen wusste er nun, dass Gott ihn im Gefängnis für eine zunächst unvorstellbare Aufgabe vorbereitet hat: wieder zurück ins Gefängnis zu gehen, um die Menschen dort zu besuchen. Bei der Gefährdetenhilfe in Kenia ist Reuben heute verantwortlich in der Gefängnisarbeit und koordiniert dazu die Kontaktgruppen und Gottesdienste. Die Zustände in den Anstalten verbessern sich inzwischen. Transparenz und Reformbereitschaft der Justiz haben einen positiven Veränderungsprozess eingeleitet.
Auf der Farm in Songhor lebt Reuben mit seiner Frau und ihren vier Kindern. Er arbeitet mit an dem Aufbau eines landwirtschaftlichen Projektes für Strafentlassene. Inzwischen hat er junge Menschen aus dem Gefängnis in seine Familie aufgenommen.
Die Qualifikation für seine Aufgabe hat er im Gefängnis bekommen. Eine ziemlich harte Ausbildung!




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Reuben

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