Der österreichische Skilehrer und Bergführer ist stellvertretender Leiter der internationalen Fackelträger-Bewegung und Direktor vom “Tauernhof”, einem christlichen Freizeitzentrum und Bibelschule im österreichischen Skiort Schladming (Steiermark). Als Pädagoge hat Hans Peter Royer seine Tätigkeit als Bergführer und Skilehrer integriert und eine Sonderform der Erlebnispädagogik entwickelt; die so genannte "Christuszentrierte Erlebnispädagogik". Hans Peter Royer ist Autor von sechs Büchern. Hier schildert er seine Reise-Eindrücke: Im Juni 2009 hatte ich das Vorrecht, mit der Gefährdetenhilfe Scheideweg zu etwa eintausend Inhaftierten über Vergebung, Wertschätzung und die Freiheit des Christus zu reden. Unsere Truppe bestand aus 18 Teilnehmern aus Deutschland, der Schweiz und Österreich: eine Sportlergruppe, die mit den Häftlingen Volleyball, Basketball und Fußballturniere veranstaltete, ein Zahnarztehepaar aus der Schweiz, die Schmerzbehandlungen durchführten und täglich etwa 70 Zähne zogen, ein Singteam und ich als Verkündiger.
Meine persönlichen Eindrücke
Als ich im ersten Gefängnis in Maant vor etwa 350 mongolischen Häftlingen predigen musste, fühlte ich mich extrem hilflos. Ich habe mich seit Jahren nicht mehr so unsicher und so als Versager gefühlt wie dort, denn ich wusste nicht, wie Mongolen denken, und schon gar nicht, wie mongolische Strafgefangene denken, die bis zu 25 Jahren innerhalb von vier Mauern in einer mongolischen Steppe verbringen müssen. Sobald ich zu sprechen begann, wurde es unruhig im Saal. Ich konnte keine Witze oder verbindende Worte sagen, weil ich ihren Sinn für Humor nicht kenne. Sie verstehen auch meine üblichen Beispiele aus der Sportwelt nicht. Weder Skifahren noch Bergsteigen oder Höhlenforschen ist für sie ein brauchbarer Begriff. Du kannst dort auch nicht mit schlauen Bemerkungen oder klugen Gedankengebäuden punkten. Alle Wortspiele werden durch die Übersetzung unbrauchbar, alle klugen Gedanken oder intellektuelles Gefasel kannst du vergessen. All die Dinge, mit denen ich gewöhnlicherweise die Aufmerksamkeit der Zuhörer gewinne, haben dort kläglich versagt. Aber gerade das wurde für mich enorm hilfreich, weil ich lernen musste, mich zu beschränken auf das Wesentliche, auf die „einfache Botschaft vom Kreuz“ und der Liebe Gottes in Christus.
Ich habe dort verstanden, warum Jesus fast ausschließlich mit Geschichten und Gleichnissen zu den Menschen sprach. Ich musste zurück zum Wesentlichen und beginnen wie unser Herr: „Das Reich Gottes ist wie...“ – und es dann mit einer Lebensgeschichte erklären. Keine abstrakten Geschichten, keine drei Punkte, sondern nur die Realität des Lebens zählt. Und wenn wir Christus nicht durch die Realität unseres Lebens weitergeben können, dann haben wie eigentlich keine Botschaft, sondern nur kluge Predigten.
Ich fühlte mich wie Paulus in Korinth, als er sagte: „Ich war bei euch in Schwachheit und mit Furcht und vielem Zittern... und ich nahm mir vor, nichts anderes zu predigen als nur Jesus Christus und IHN als gekreuzigt.“ (1.Kor.2,2-3) Weil die Mongolen das Konzept von Vergebung kaum kennen, ist die Botschaft vom Kreuz so wesentlich.
Die Umstände in den Gefängnissen
Die Gefährdetenhilfe Scheideweg hat in den letzten 15 Jahren sehr dazu beigetragen, dass die Haftbedingungen in den Gefängnissen der Mongolei menschenwürdiger wurden. Etwa 300 Gefangene wohnen in einem Gebäude, das sie selbst gebaut haben, zu je zehn Personen pro Abteilung. Ein Gefangener, der etwas Englisch sprach, lud mich auf sein Zimmer und sagte: „Darf ich dir mein Heim zeigen, es ist wunderschön!“ Dann zeigte er mir sein 5-Stockbetten-Abteil und setzte mich auf den unteren Bereich seines Eisenbettes – sein Heim für die nächsten 10 Jahre. Die meisten Gefangenen bekommen kaum Besuch von ihrer Familie, weil sie als „schwarze Schafe“ ausgestoßen sind. Die Winter sind hart bei Temperaturen bis zu Minus 40 Grad Celsius. Ich fragte mehrere Häftlinge, was ihnen im Gefängnis besonders schwer fällt und was sie als wertvoll empfinden. Schwer sind für viele die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den Inhaftierten und den Beamten. Das „Gute“ am Gefängnis ist die erstmalige Wertschätzung der Freiheit außerhalb der Gefängnismauern und die Zeit zum Nachdenken über den Sinn des Daseins und auch über Gott. Ein Gefangener formulierte seinen Dank an die Gruppe:
Sie sahen in uns Menschen und kamen aus dem fernen Deutschland.
Wir danken euch herzlich für eure Seelenwärme.
Wir, die Steppen-Mongolen, werden nie euren Beistand vergessen.
Wir werden jeder Zeit daran denken und eure Wärme in unserem Inneren tragen.
Wir haben eure Bildnisse vor Augen, die uns Mut und Glauben schenken.
Sie, die nicht vor der Weite zurückschrecken, kamen um uns zu besuchen.
Wir werden eure Wärme und Herzlichkeit in unseren Herzen tragen.
Sport und Zähne
Besonders wertvoll waren die Sportveranstaltungen, weil es dabei weder Häftling noch Beamter noch Besucher gibt. Jeder ist ein Spieler und gibt sein Bestes. Es hat mich beeindruckt, wie die Gefangenen für die Beamten geklatscht und gejubelt haben, wenn sie gegen unsere Mannschaft spielten. Wenn ein Inhaftierter als Schiedsrichter eingeteilt war, hat ihre Mannschaft meistens gewonnen – das war ganz amüsant. Abschließend erhielten die Gewinner Medaillen, Sportanzüge, einen Pokal und ein Büchlein mit Glaubenszeugnissen. Als ehemaliger Freestyle-Ringer hatte ich auch Gelegenheit, mit einem Häftling mongolisches Ringen zu probieren.
Roland, unser Zahnarzt aus der Schweiz, hat seines Bestes getan, um Schmerzen zu lindern. Für die Häftlinge war es ein Luxus, eine Spritze zu erhalten und ihre Zähne fast schmerzfrei gezogen zu bekommen. Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn ein Gefangener, der nur noch ein Auge oder einen Fuß hat, dann auch noch seine letzen drei Zähne gezogen haben will.
Werte und Kultur
Werte, die in der mongolischen Kultur hochgehalten werden, sind Freiheit, Weite, Pferde und die hohe Wertschätzung für die Mutter. Durch die großen Entfernungen sind sie auch sehr aufeinander angewiesen. Probleme sind sexuelle Übergriffe innerhalb der Familien, weil in den Jurten keine Privatsphäre möglich ist. Die Männer trinken viel Alkohol (Wodka ist extrem billig) und sind deshalb oft gewalttätig. Christliche Ethik ist nicht bekannt. Betrügen und Lügen ist nicht unbedingt unethisch und bekanntlich können Mongolen zwei Worte nicht aussprechen: Entschuldigung und Danke! Das stimmt leider tatsächlich.
Im CHOIJIN LAMA TEMPLE MUSEUM in Ulaanbaatar hat uns eine Gelehrte den Lamaistischen Buddhismus erklärt. Dieser Tempel ist ein bedrückender Ort, es ist eine Religion der Angst. Man hat Gottheiten erfunden, weil sie erkannten, dass man mit einer Ideologie die Menschen nicht kontrollieren kann. Götter können dich bestrafen, eine Ideologie nicht. Für den Buddhisten gilt es, 18 Höllen zu durchlaufen, zehn heiße Höllen und acht kalte Höllen. Unsere beiden Fahrer, beide Buddhisten, sind nie mit uns ins Gefängnis hinein gegangen, weil das ein schlechtes Omen ist. Jungen lässt man bis zum 4. Lebensjahr die Haare wachsen und verkleidet sie als Mädchen. So täuscht man die Götter, die kleinen Jungen schaden wollen. Dies sind nur ein paar Eindrücke, die mir in Erinnerung geblieben sind.
Dong Hwan & Miriam Kim
Dong Hwan, ursprünglich aus Südkorea, hat Gott vor 18 Jahren ans Herz gelegt, in die Mongolei zu ziehen. Dort angekommen lebte er ein Jahr mit einem buddhistischen Mönch in einer Jurte. Durch verschieden Umstände bekam er Zugang in ein Gefängnis und hat heute fast freien Zugang zu allen Gefängnissen der Mongolei, um mit den Häftlingen zu reden und ihnen die gute Botschaft von Vergebung, Barmherzigkeit und Wertschätzung zu erzählen, wie es uns Jesus Christus geboten hat. Ihre Hingabe und ihr Einsatz ist mir Vorbild und ich habe großen Respekt für ihren wertvollen Dienst in und durch alle Entbehrungen und Erfolge, allen Zweifel und Freuden hindurch. Wir wollen sie und ihre drei Jungen Benjamin, Matthias und Johannes im Gebet unterstützen und an sie denken.