Justizministerin Müller-Piepenkötter würdigt ehrenamtliche Gefährdetenhilfearbeit auf dem Internationalen Gefährdetenhilfe-Forum. Das Engagement Ehrenamtlicher im Justizvollzug signalisiert Gefangenen, dass sie nicht aufgegeben sind. Deshalb schätze sie den ehrenamtlichen und weltweiten Einsatz der Gefährdetenhilfemitarbeiter in den Gefängnissen, betonte Nordrhein-Westfalens Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter auf dem 24. Internationalen Forum Christlicher Gefährdetenhilfen vom 29. Oktober bis 1. November in Radevormwald. Dort trafen 135 Delegierte von Gefährdetenhilfevereinen aus vier Kontinenten zusammen. Gastgeber war die Gefährdetenhilfe Scheideweg.Müller-Piepenkötter betonte, dass die Beziehung zwischen Justizvollzug und Gefährdetenhilfe von gegenseitiger Wertschätzung geprägt sei. Das Programm der diesjährigen Gefährdetenhilfetagung zeige ihr, dass auf beiden Seiten an ähnlichen Herausforderungen gearbeitet werde. Die wachsende Zahl von psychisch erkrankten Straftätern gehöre dazu. In Radevormwald kündigte die Justizministerin an, die Zahl der Behandlungsplätze für psychisch kranke Gefangene im Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg verdoppeln zu wollen. Als einen Erfolg bezeichnete sie die vor kurzem begonnene Beschäftigung von Diplom-Pädagogen im Freizeitbereich von Jugendstrafanstalten. Die besondere Chance der Gefangenenseelsorge liege darin, Gefangene zu erreichen, die kein anderer Fachdienst ansprechen könne. Bei seiner Begrüßung der Ministerin betonte der Vorsitzende der Gefährdetenhilfe Scheideweg, Hans Eichbladt, die Verschiedenheit der Gefährdetenhilfemitarbeiter und die Vielseitigkeit des Engagements, das für den Justizvollzug manchmal auch eine Herausforderung darstelle. Als Handlungsmaxime für die Arbeit im Strafvollzug – ganz gleich in welcher Position – nannte Müller-Piepenkötter einen Vers aus der Bibel: „Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen (Hebräer 13,3).“
Zu den besonderen Gästen des 24. Internationalen Gefährdetenhilfeforum gehören die Leiter der evangelischen und der katholischen Seelsorge im kenianischen Strafvollzug, Pfarrer Johnson Gatumu und Pfarrer Peter Kimani. Kimani berichtete von der Öffnung des Strafvollzuges seines Landes für das Engagement gesellschaftlicher Gruppen, das vorrangig durch die Pfarrer koordiniert wird. Über 500 ehrenamtliche Mitarbeiter seien bereits im kenianischen Strafvollzug zugelassen, so Gatumu, darunter die Mitarbeiter des dortigen "Ablegers" der Gefährdetenhilfe Scheideweg. Das aus Deutschland initiierte Projekt am Viktoriasee integriert haftentlassene junge Kenianer auf einer Farm und in einer Familie. Das Projekt habe für sein Land, in dem es an Übergangseinrichtungen für haftentlassene junge Menschen fehle, wichtigen Vorbildcharakter, ergänzte Kimani
Von einer Verbesserung der humanitären Situation im brasilianischen Strafvollzug berichtete der Leiter des in Sao Paulo tätigen seelsorgerlich-diakonischen Vereins SAL, Paolo Cappaletti. Ungebremst sei dagegen die Entwicklung neuer krimineller Milieus in den großen Städten. Der brasilianische Verein besitzt mit seinen Angeboten einen offenen Zugang zu den Gefängnissen des Landes. Aus dem südindischen Bangalore berichtete auch die Vertreterin der KSM davon, dass die Arbeit in den Gefängnissen trotz aller religiösen Spannungen im Land fortgesetzt werden könne.
Mit großer Freude berichteten Romek Neumann und sein Team über die guten Möglichkeiten, in den polnischen Gefängnissen zu arbeiten. In einem Männergefängnis führten sie erstmals einen Deutschkurs anhand von biblischen Texten durch. Daraufhin entschlossen sich einige Teilnehmer, auch die Kontaktgruppe zu besuchen. Zwei entschieden sich für ein Leben mit Jesus Christus. Das Unterrichtsangebot soll fortgesetzt werden. Ein Treffen von polnischen Christen, die sich in der Gefängnisarbeit engagieren, stieß auf große Resonanz. Etwa die Hälfte der Besucher waren ehemalige Häftlinge.
„Wie frei ist der Mensch in seinen Entscheidungen?“ „Was bedeutet christliche Freiheit, und warum ziehen wir immer wieder die Unfreiheit vor?“ Zu solchen und anderen Fragen referierte Dr. Horst Afflerbach vom „Forum Wiedenest“ aus Bergneustadt an zwei Tagen unter dem Stichwort: „In die Freiheit wachsen“. Die lebhaften Diskussionen in den anschließenden Gesprächsgruppen sprachen für die Aktualität und Bandbreite des Themas.
Workshops zu „Gefangenenseelsorge“, „Drogenseelsorge“, „Begleitung von Sinti und Roma“, „Sportarbeit“ und „Qualitätskriterien in der Gefährdetenhilfearbeit“ gaben den Teilnehmern Gelegenheit, Themen zu vertiefen, die sie in ihrer Arbeit vor Ort besonders beschäftigen.
Das jährliche Internationale Gefährdetenhilfeforum wird von der Bundesarbeitsgemeinschaft seelsorgerlich-diakonischer Gefährdetenhilfen (BSDG) e.V. und dessen internationalem Arbeitszweig (International Association of Christian Charitable Prison and Rehabilitation Ministries - IACPR) ausgerichtet. Vorsitzender der BSDG ist Hartmut Nickel (Herborn), Vorsitzender der IACPR ist Achim Halfmann (Hückeswagen). Das nächste Forum wird im Oktober 2010 in Ungarn stattfinden.