[12.03.09] Gesellschaftliche Umbruchzeiten treffen Menschen am Rande der Gesellschaft am härtesten. So wird es auch in dieser Krise sein. Joszef Szabo, verantwortlich für die Stiftung Lebendige Hoffnung in Ungarn, berichtet: Die Kriminalitätsrate in seinem Land steigt dramatisch. Die Polizei hat nicht genug Geld, um in gleichem Umfang wie früher mit Streifenwagen unterwegs zu sein - ein Grund für den Anstieg der Kriminalitätskurve. Ein weiterer ist die neue materielle Not. Täter und auch Opfer kommen oft aus der so genannten Unterschicht. Einer unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter ist an verantwortlicher Position in einem Handelsunternehmen tätig und erzählt: Einige Lagermitarbeiter hat sein Arbeitgeber bereits entlassen müssen. Bald werden auch die höher qualifizierten Angestellten nicht mehr verschont, befürchtet er. Die Krise betrifft uns alle, trifft aber am unteren Rand der Gesellschaft am härtesten.
Sicher ist es nicht so, dass wir in ein bis zwei Jahren wieder zum "Status Quo" zurückkehren werden. Diese Krise wird unsere Gesellschaft nachhaltig verändern: Bis die wirtschaftliche Talfahrt überstanden ist, hat sich unser Staat so weit verschuldet, dass ihm auf Jahre hinaus wenig Luft für den Ausgleich sozialer Notlagen seiner Bürger oder gar für neue Initiativen im sozialen Bereich bleibt. Unsere Gesellschaft wird zunehmend "durchlässiger" für Karrieren nach oben und nach unten. Das hat auch etwas mit Solidaritätsverlust zu tun, eine der Ursache für die gegenwärtigen Probleme. Wenn eine wachsende Zahl von Menschen in unserer Gesellschaft für sich das Beste herausholen will, notfalls auch gegen andere, dann werden wir alle darunter leiden - am meisten aber die Schwachen. Deshalb haben jene Recht, die betonen: Wir dürfen dieser Krise nicht nur materiell mit unvorstellbar großen "Rettungspaketen" begegnen. Denn wir befinden uns auch in einer Krise der nicht-materiellen Werte. Gefordert ist eine Rückbesinnung auf das, was wirklich zählt und trägt. Unsere Chance als Christen sehen wir darin, nicht nur über Werte zu reden, sondern sie so ernsthaft wie möglich umzusetzen. "Ein Beispiel habe ich euch gegeben ..." sagte Jesus seinen Nachfolgern bei einer letzten Begegnung kurz vor seiner Hinrichtung. Beispielgeben ist heute nicht weniger gefragt.
Das Nachdenken darüber, wie wir uns als Gefährdetenhilfe in der aktuellen Situation richtig verhalten können, fällt uns dabei gar nicht leicht. Denn auch unser Verein wird sich durch die aktuelle Wirtschaftskrise verändern. In den zurückliegenden Jahren haben wir Betriebe aufgebaut, die andere gemeinnützige Arbeitsbereiche finanziell mittragen konnten. Bereits im vergangenen Jahr erlebten wir deutliche Umsatzrückgänge im Einzelhandel, ganz aktuell sind wir im metallverarbeitenden Bereich von der Entwicklung der in Automobilindustrie betroffen. Zum ersten Mal müssen wir Mitarbeitern aus unseren Betrieben kündigen und wir können ihnen nur anbieten, alles uns Mögliche zu tun, um sie beim Übergang in eine neue Anstellung zu begleiten. In Zukunft wird es uns wohl nicht möglich sein, mehrere sehr unterschiedliche Betriebe mit der erforderlichen Aufmerksamkeit zu begleiten. Auch deshalb arbeiten wir aktuell am Verkauf der GFH Scheideweg Metallbau. In Mecklenburg-Vorpommern sind wir mit dem "Familiengut" als neuem Konzept angetreten und hoffen, damit die kritische Situation der Gefährdetenhilfe Waren überwinden zu können. Aufgrund verringerter betrieblicher Aktivitäten müssen wir uns auch im Kernbereich des Vereins neu aufstellen. Einige Mitarbeiter haben ihre Positionen gewechselt, einzelne werden uns verlassen oder ehrenamtlich mitarbeiten.
Die gegenwärtige Situation erinnert uns an zwei Stärken unserer Arbeit, die wir stärker in den Mittelpunkt stellen werden: eine tragende Gemeinschaft zu bilden und im ehrenamtlichen Engagement verankert zu sein. "Wenn dein Bruder neben dir verarmt und nicht mehr bestehen kann, so sollst du dich seiner annehmen", gebietet Gott in 3. Mose 25,35. In den kommenden Monaten werden viele verlieren, was ihnen Sicherheit gab. Da ist es wichtig, dass wir offen bleiben für andere Menschen in Not. Das Klima Haftentlassenen gegenüber wird rauer; unsere Wohngemeinschaften wollen auch in Zukunft Menschen die Chance zu einem Neuanfang bieten. Und sicher wird der neue Bereich "Stadtteilarbeit" mit seiner Schuldnerberatung sehr stark nachgefragt werden.
Die Herausforderungen an unsere seelsorgerlich-diakonische Arbeit werden wachsen. Und es wird zunehmend wichtig, dass ein möglichst großer Teil der Aufgaben ehrenamtlich geleistet wird. Die Kontaktgruppenbesuche in den Gefängnissen und das gemeinsame Leben in den Wohngemeinschaften sind Kern unserer Arbeit und werden von Beginn an durch Ehrenamtliche geleistet. Hier brauchen wir junge Christen, die in diese Aufgaben hineinwachsen. Auch das ehrenamtliche Engagement von Lehrern, die unsere jungen Leute für die Schule fit machen, hat eine lange Tradition und braucht Nachwuchs. Neu sind ehrenamtliche Mitarbeiter in der Schuldnerberatung. Neu ist, dass unser Literaturlager durch einen Ehrenamtlichen gepflegt wird. Und ein wichtiger Teil der Arbeiten im Büro wird - wieder - ehrenamtlich geleistet. Unsere Zweigstellenleiter in Kenia sind bereits Pensionäre.
Weil Gott uns trägt, können wir andere unterstützen. In den zurückliegenden Monaten haben wir erfahren, dass uns im entscheidenden Moment notwendige finanzielle Mittel zugeflossen sind. Und darauf vertrauen wir auch in diesem Jahr. Wir wollen in den kommenden Monaten weiterhin an der Seite derer stehen, die in gesellschaftlichen Krisenzeiten noch viel schneller an den Rand geraten, und dazu neue Wege suchen.
Wir freuen uns, wenn Sie uns dazu Ihre Gedanken und Anregungen mitteilen:
Achim Halfmann - ahalfmann@gefaehrdetenhilfe.de