In unserer Reihe "Vorgestellt" berichtet unser Vorstandsmitglied Martin Kielbassa über die Kontaktgruppenarbeit in der JVA Bochum:
1993 konnte mit der Kontaktgruppenarbeit in der JVA Bochum begonnen werden, nachdem eine Anfrage des evangelischen Anstaltsseelsorgers die Gefährdetenhilfe erreicht hatte. Zunächst waren es überwiegend Mitarbeiter aus Scheideweg, die sich als "Kontaktgruppe Scheideweg" in der JVA Bochum bekannt machten. Später kamen immer mehr Mitarbeiter aus umliegenden Gemeinden dazu. Heute haben wir eine sehr vielfältige Mitarbeiterschar aus den Nachbarstädten rund um Bochum. Es sind Mitarbeiter aus der Landeskirche, Brüdergemeinden, Gebetsgemeinschaften und landeskirchlichen Gemeinschaften. Da sich die Zahl russisch sprechender Gefangener in den letzten Jahren stetig erhöhte, konnte eine kleine Gruppe von Mitarbeitern einer Spätaussiedlergemeinde für die Kontaktgruppe gewonnen werden.
Bei aller Unterschiedlichkeit sind wir uns in der Sache einig, dass wir beauftragt sind, die Liebe Jesu hinter die Gefängnismauern zu bringen. Zur Zeit sind wir 24 ehrenamtliche Mitarbeiter. Wir bemühen uns um ein ausgewogenes Verhältnis von Mitarbeitern und Teilnehmern. In der Regel umfasst unsere Kontaktgruppe 35 bis 40 Personen. Jeden 2. und 4. Donnerstag treffen wir uns in dem größten Raum der JVA Bochum, der Anstaltskirche. Wir singen gemeinsam und denken über ein Bibelwort nach, bevor wir uns zu persönlichen Gesprächen verteilen.
Insgesamt weist die JVA Bochum 805 Haftplätze auf. Wie in den meisten JVA´s im Lande ist jedoch eine Überbelegung der Regelfall. Zur Zeit sind hier Menschen aus 42 Nationen inhaftiert. Neben einer Druckerei, einer Schlosserei und verschiedenen Fertigungsbetrieben hat die 107 Jahre alte Vollzugsanstalt eine eigene Bauabteilung, die Restaurierungs- und Bausanierungsarbeiten durchführt. Momentan ist für über 75 % der Gefangenen eine Arbeitsmöglichkeit geschaffen worden. Hervorzuheben ist noch die gute Zusammenarbeit zwischen den Verantwortlichen der JVA Bochum, den Anstaltsseelsorgern und den "Scheidewegern" .
Ich fahre seit der Kontaktgruppengründung regelmäßig in die JVA Bochum. Meine Frau kam zwei Jahre später zur Kontaktgruppe. Der gemeinsame Besuch des Gefängnisses bereichert unser Familienleben. Jeder weiß wovon der andere redet, wir können uns austauschen und gemeinsam für die Inhaftierten beten. Hauptberuflich habe ich als Kriminalbeamter täglich mit Menschen zu tun, die straffällig geworden sind. Die Mitarbeit in der Kontaktgruppe und das intensive Nachdenken über verschiedene menschliche Schicksale hat mein Denken verändert. Wo ich als Polizist nur einen "hoffnungslosen Fall" sehe, erkenne ich als Christ ein Geschöpf Gottes. Wo Gesetz und Recht enden, führt mich die Liebe und Barmherzigkeit Jesu weiter. Es ist nicht immer einfach, den Alltag hinter sich zu lassen und pünktlich im Gefängnis anzukommen, doch ich habe die Erfahrung gemacht, dass Jesus Christus uns als Mitarbeiter immer wieder neu beschenkt und wir das Gefängnis stets mit einem fröhlichen Herzen verlassen.
(aus: Rundbrief Nr. 4/2004)