 |  | Eberhard Bornemann, ehem. Diakon der JVA Siegburg, berichtet von den Anfängen: Es war im Januar 1972, als ich einen Anruf von Friedhelm Sylvester aus Wuppertal bekam: Der Jugendbund für Entschiedenes Christentum (EC), Kreisverband Wuppertal, würde gerne bei uns im Siegburger Knast einen Gottesdienst und einen großen bunten Nachmittag veranstalten. "Prima", dachte ich mir und traf mich kurz danach mit dem Vorbereitungsteam in den Räumen des EC Wuppertal-Varresbeck.
Im Vorbereitungskreis war auch ein damals relativ junger Mann mit kleinem - damals - schwarzen Bart, ein Herr Pfeiffer, der sich besonders interessiert zeigte, weil er auch Schöffe war und nicht nur junge Menschen in den Knast schicken, sondern auch was für sie tun wollte.
Als ich bei dieser Vorbesprechung bemerkte, diese einmalige Aktion des EC sei prima, noch besser wäre jedoch, wenn sich daraus eine regelmäßige Arbeit entwickeln könnte, griff Friedel Pfeiffer diesen Hinweis sofort auf, und so vereinbarten wir neben zwei Gottesdiensten am 12.3.1972 und dem großen bunten Nachmittag mit 400 "Knackis" in der Turnhalle, dass sich gleichzeitig einige Mitarbeiter mit interessierten Inhaftierten treffen, um mit ihnen eventuell eine Bibelgruppe zu gründen.
So geschah es auch. Der EC-Kreisverband rückte mit etwa 80 Mitarbeitern an, was mir die Anfrage der damaligen - wohlgesonnenen - Anstaltsleitung einbrachte, ob es immer "so viele" sein müssten.
Die Gottesdienste klappten ganz gut, der große bunte Nachmittag war ein großer Erfolg, und Friedel Pfeiffer gründete gleichzeitig eine Bibelgruppe im Siegburger Knast, die zunächst "Gruppe Kaesekamp" hieß, weil Helmut Kaesekamp, ein Mitarbeiter des Allgemeinen Vollzugsdienstes, als selbst entschiedener Christ bereits auch an eine Bibelgruppe im Knast dachte, und weil er viele Jahre lang bis zu seiner Pensionierung der anstaltsinterne Organisator der Gruppe war.
Nun war die Ausdehnung der Arbeit nicht mehr zu bremsen. Wozu auch? Bald lebten die ersten Entlassenen in Hückeswagen und "Vororten". Wir wurden eingeladen, dort auch einen Gottesdienst mit "Knackis" zu gestalten. Unsere Hinfahrt mit drei jungen Männern aus Siegburg gestaltete sich schwierig, weil meine "Ente" kurz nach der Autobahnausfahrt ihren Geist aufgab. Die Gottesdienstgemeinde saß wie auf heißen Kohlen und ein junger Mann, Klaus Persian, kam, um mit zwei geübten Griffen die "Ente" wieder ans Laufen zu bringen.
Es wurde ein schöner Tag im Vereinshaus. Mir fiel damals ein junger Mann mit einem gewaltigen Schnauzbart auf. Er ist sicher heute auch dabei.
Die Kontakte und die Arbeit wuchsen gewaltig. Mir selbst blieb mitunter geradezu "die Spucke weg", wenn ich hörte und miterlebte, wie die Arbeit wuchs. In beiden Häusern des Siegburger Knastes. Immer mehr ehemalige Siegburger zogen nach Hückeswagen und in seine "Vororte", manch einer war fasziniert von den attraktiven "Töchtern", die es dort auch gab. Manche Familien nahmen junge Männer bei sich auf, sie wurden geradezu in den Familien aufgenommen. Die erste Wohngemeinschaft wurde ins Leben gerufen, klappte sogar und es wurden ständig mehr Wohngemeinschaften. Die vielen Mitarbeiter - ein ganz besonderer Reichtum der Gefährdetenhilfe - kamen zweimal wöchentlich nach Siegburg, jeweils nach Haus II und nach Haus I. Das tun sie auch heute noch. Die Gefährdetenhilfe peilte auch andere Knäste in Nordrhein-Westfalen an, sie peilte auch Knäste in vielen anderen Ländern an: Schweiz, Ungarn, Brasilien, Indien, Kenia, sogar in der Mongolei. Bald begann ich zu überlegen, wo die Gefährdetenhilfe eigentlich nicht tätig ist. Mir blieb immer öfter "die Spucke weg".
In Siegburg wurden große, gut besuchte und gesegnete Evangelisationen durchgeführt; im Gefängnis eine ganz besonders komplizierte Sache.
Ab und zu tauchte die Arbeit in Fernsehberichten auf, woraufhin der Verein mit Anfragen jeweils geradezu überschwemmt wurde.
Das alles, mal näher dran, mal weiter weg miterlebt zu haben, macht mich vergnügt und auch dankbar. Ich denke, da muss einer was gelenkt haben. Dem wollen wir weiterhin in den Ohren liegen, dass er weiter so viele Arbeiter in seinen Weinberg sendet, in den "Weinberg Gefängnis".
Und dann haben wir ihm weiter zu danken, dass die Arbeit bisher von ganz spektakulären Pannen, die mir als Horrorvisionen durch den Kopf gehen, die ich aber hier nicht ausbreiten möchte, verschont geblieben ist.
Also: Ich hätte vor 25 Jahren das alles für eine Utopie gehalten. Utopie kommt aus dem Griechischen und heißt wörtlich: Nicht-Ort. Ich übersetze das mal mit "Noch-Nicht-Ort". Toll, dass da jemand dafür gesorgt hat, dass diese Utopie zu einem schönen Stück Realität wurde.
Vielleicht hat Gott noch ganz andere Sachen vor. Was sollte ihm schon unmöglich sein?
Euch allen danke ich - zugleich im Namen einer gewaltigen Anzahl von jungen Männern, die in den 25 Jahren von Euch im Knast besucht wurden, (ganz im Sinne von Matthäus 25, "Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht") und auch im Namen von Unzähligen, die Ihr nicht nur bei Euch aufgenommen habt, sondern die Ihr auch in Eure Familien und Gemeinden integriert habt.
Ich mache eine Einschränkung: Ich danke Euch an zweiter Stelle, an erster Stelle danke ich einem anderen.
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ein Jugendchor macht sich auf den Weg ins Gefängni eine Stunde Freigang im Innenhof |  |