- 19. Internationales Gefährdetenhilfeforum in Hessen beschäftigte sich mit der Privatisierung des Strafvollzuges
Flensungen (ii, 03.11.04) - In Hessen stehen die Verhandlungen mit einem privaten Betreiber der im Bau befindlichen Justizvollzugsanstalt Hünfeld unmittelbar vor dem Abschluss. Dies berichtete der Pressesprecher des Hessischen Justizministeriums, Oberstaatsanwalt Torsten Kunze, auf dem diesjährigen Internationalen Forum christlicher Gefährdetenhilfen in Flensungen (Hessen). Etwa 40% der Mitarbeiter dieser Anstalt wird der private Betreiber stellen, so Kunze weiter. Sicherheitsrelevante Bereiche seien ausgenommen. Der Sozialdienst sowie der medizinische und der psychologische Dienst werden ebenso durch den privaten Betreiber gewährleistet wie die meisten Wirtschaftsbereiche und die Arbeitsverwaltung. Dem Unternehmer werde zur Auflage gemacht, die derzeit mit durchschnittlich etwa 50% unbefriedigende Beschäftigungsrate der Gefangenen deutlich zu verbessern. Bereits beim Bau der Anstalt habe man durch die Zusammenarbeit mit einem privatwirtschaftlichen Generalunternehmer den Haushaltsansatz um 40% unterschreiten können, berichtete Kunze. Zudem sei eine kurze Bauzeit von nur vier Jahren verwirklicht worden.
"Wir brauchen nicht nur einen billigeren Strafvollzug, sondern einen Vollzug mit höherer Integrationswirkung", betonte dazu der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft seelsorgerlich-diakonischer Gefährdetenhilfen (BSDG), Friedel Pfeiffer. Der Einstieg eines privatwirtschaftlichen Unternehmens könne in der Öffentlichkeit den Eindruck hinterlassen, dass der ehrenamtliche Mitarbeiter nicht mehr gebraucht werde. "In der öffentlichen Diskussion muss deutlicher werden, was auch der privatwirtschaftlich betriebene Strafvollzug nicht leisten kann und wo die Integrationskraft der Gesellschaft gefragt ist", forderte Pfeiffer. So brächten gerade die ehrenamtlichen Seelsorgehelfer ein wichtiges Beziehungsangebot in den Strafvollzug ein. Mit ihrem persönlichen Einsatz unterstrichen sie Gottes Versöhnungsangebot und die Integrationsbereitschaft von Kirche und Gesellschaft. Überlegungen zur Privatisierung von Teilbereichen des Strafvollzuges bestehen auch in Nordrhein-Westfalen und weiteren Bundesländern.
155 Delegierte aus 32 Gefährdetenhilfevereinen auf vier Kontinenten trafen von Donnerstag bis Sonntag (28. bis 31. Oktober) im "Flensunger Hof" (Hessen) zusammen. Die Teilnehmer vertraten christliche Straffälligenhilfevereine aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, der Türkei, Polen, Russland, der Ukraine, Brasilien, der Mongolei, Südafrika und Kenia. Indirekt durch ihre westeuropäischen Partner vertreten waren die Vereine aus Indien, Ungarn und Rumänien. Der Aufbau einer Straffälligenhilfe in Kenia, die Reform des Jugendstrafvollzuges und die Internationalisierung der Straffälligenhilfe waren weitere Themen des diesjährigen Internationalen Gefährdetenhilfeforums.
Den Aufbau einer Farm für Haftentlassene im kenianischen Hochland bereitet der Hückeswagener Verein Gefährdetenhilfe Scheideweg e.V. vor. Ein Planungsteam wird im November nach Kenia reisen, die Übersiedlung eines deutschen Ehepaares für die Leitung dieses Projektes ist im kommenden Jahr geplant. Kenianischer Kooperationspartner ist unter anderem die African Inland Church (AIC). Seit 1978 engagiert sich der Verein mit regelmäßigen Besuchen in den Strafvollzugsanstalten des Landes. Leitende Strafvollzugsbedienstete sind im Rahmen von Austauschprogrammen im nordrhein-westfälischen Strafvollzug zu Gast gewesen. Mit dem neuen Vorhaben will die Gefährdetenhilfe nun ständig in Kenia präsent sein und ein Modell für die Integration Haftentlassener schaffen. "Weil Christen um Gottes Vergebungsangebot wissen, dürfen sie dem Haftentlassenen nicht die Wiederaufnahme in die Gesellschaft verweigern", so der Vereinsvorsitzende Hans Eichbladt. Man hoffe für diese Arbeit auf viele ehrenamtlich Mitarbeiter aus den Kirchen. Der kenianische Strafvollzug war in den letzten Tagen nach Todesfällen aufgrund von Gefangenenmisshandlung international in die Kritik geraten.
Die Internationalen Gefährdetenhilfeforen fanden 2002 in Dunakeszi (Ungarn) und 2003 in Sao Paulo statt. Die Konferenz wird in den nächsten Jahren in Mecklenburg-Vorpommern (2005), der Schweiz (2006), Österreich (2007) und Polen (2008) zu Gast sein.